Wahlkampferfahrungen

In diesem Artikel berichte ich etwas über meine Erfahrungen aus dem Wahlkampf für die Bezirksversammlungs- und Europawahl. Markus Trapp hat das in seinem Blog so wunderbar gemacht (zu Plakatierung, zu Podiumsdiskussion 1, zu Podiumsdiskussion 2), daß ich Lust bekommen habe, mich dem Thema zumindest in einem Artikel zu widmen.

Wahlkampf ist für mich als eher introvertierten und ruhigen Menschen eine echte Herausforderung und eine große Erfahrung, angefangen schon bei der Plakatierung. Inzwischen habe ich mich an das skurrile Gefühl gewöhnt, mein eigenes Gesicht zu entdecken, wenn ich morgens zur Arbeit fahre. Das eigene Gesicht überhaupt das erste Mal im öffentlichen Raum plakatiert zu sehen, ist speziell. Die ersten Tage hatte ich die emotionale Erwartungshaltung, daß mich jeder zweite Mensch auf der Straße schief von der Seite anschaut oder auf mich zukommt und anspricht. Natürlich ist das Quatsch, und mittlerweile hat das nicht nur mein Verstand, sondern auch mein Bauchgefühl begriffen. Angesprochen auf die Plakate haben mich vor allem die Kollegen, im öffentlichen Raum aber nur eine Person an einem Infostand und eine Person direkt beim Plakatieren. Angesichts einer Auflage von 60 Stück, die sich auf die südlicheren Stadtteile von meinem Bezirk Hamburg-Nord (Dulsberg, Barmbek, Uhlenhorst, Hohenfelde) verteilen, war die Chance richtig aufzufallen aber sowieso eher gering.

Ich habe aber auch das Gefühl, daß die meisten Menschen tatsächlich eher wenig auf Plakate achten. Was natürlich auch zum einen mit der Menge zusammen hängt, die momentan wegen den Wahlen im öffentlichen Raum zu sehen sind, zum anderen aber auch an der Austauschbarkeit der Bilder und Texte. Ich gebe zu, daß ich unsere eigenen Plakate zwar optisch mit am ansprechendsten finde, sie mich bei den Personenplakaten inhaltlich aber auch nicht gerade vom Hocker reißen, oder ich nicht den Eindruck habe, daß sie sich so vehement von anderen unterscheiden, daß ich uns auf die Schultern klopfen möchte. Bei den Themenplakaten, die von uns zu sehen sind, sieht das zum großen Teil anders aus; die empfinde ich als sehr gelungen. Ein großer Fan von Wahlplakaten bin ich trotzdem nicht, alldieweil kann man nicht auf sie verzichten. Es kommt natürlich auch darauf an Präsenz zu zeigen, da Menschen sonst vor allem bei uns kleiner Partei, die in den Medien oft vernachlässigt wird, denken, wir würden gar nicht antreten. Und so kann ich einem Kollegen und Kumpel, der gerne sagt “Wahlplakate halte ich für Umweltverschmutzung.” auch nur antworten “Ja, aber…”. 😉

Doch Plakate sind nicht alles. Vor der Wahl finden auch zahlreiche Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen statt, auf denen sich die Kandidaten präsentieren können. Organisatoren sind hierbei Institutionen wie Vereine, Schulen, Stadtteilräte, Bürgerinitiativen und vieles mehr. Meist werden genau die direkten Wahlkreiskandidaten eingeladen, manchmal aber auch Politiker, die aus anderen Gründen besonders geeignet sind vor Ort zu sprechen. Oft wird aber auch einfach nur bei den Parteien angefragt, ob irgendjemand vorbeikommen möchte. Als kleine Partei, die nicht in der Bezirksversammlung Hamburg-Nord vertreten ist, haben wir es bei solchen Veranstaltungen eher schwer an eine Einladung zu kommen. Eingeladen zu werden ist daher für uns grandios.

Ich selber habe die Piraten bei zwei Podiumsdiskussionen vertreten. Die erste war klein, aber fein – organisiert vom Deutschen Verein für Gesundheitspflege e.V., der einen freikirchlichen Träger besitzt: Die Siebenten-Tags-Adventisten haben eine Gemeinde im zu meinem Wahlkreis gehörigen Stadtteil Barmbek-Süd, weswegen ich für die Piraten dort teilnehmen durfte. Eingeladen wurden jeweils ein Vertreter der SPD, der FDP und der Piraten zu einem “The-men Frühstück” mit der Bitte, jeweils einen Kurzvortrag auszuarbeiten. Für die FDP hat mit Dr. Najib Karim ein Kandidat für das Europaparlament das Thema Europa vertreten, während Alexander Kleinow von der SPD und ich als Kandidaten für die Bezirksversammlung die Bezirke, ihre Zuständigkeiten und die Chancen auf Veränderung durch die Mitwirkung an der Bezirkspolitik vorstellten. Naturgemäß war das Thema Europa interessanter für die Anwesenden und das Thema drehte sich recht schnell um Überregulierung seitens der EU auf der einen Seite, aber auf europäischer Ebene wichtige Themen wie Datenschutz, Wirtschaft, Überwachung, Urheberrechte oder der Notwendigkeit eines stärkeren Europaparlaments, das auch selbst Gesetze vorschlagen darf. Die Diskussionen wurden beim Thema Europa recht engagiert geführt, wohingegen nach den Vorträgen zu den Bezirksversammlungen nach meinem Gefühl sich die Begeisterung in Grenzen hielt.

Die zweite Podiumsdiskussion wurde vom Stadtteilrat Dulsberg, in dem ich seit gut einem Jahr mitarbeite, veranstaltet. Hier waren alle Listenersten des Wahlkreises Barmbek-Süd/Dulsberg eingeladen, um über Themen zu sprechen, die den Stadtteil Dulsberg bewegen. Aktuell ist das ein Bebauungsplanentwurf namens Dulsberg 6, Verkehrspolitik am Beispiel von Fahrradwegen sowie darüber hinaus Kulturförderung. Da ich mich nach gut einem Jahr Beteiligung im Stadtteilrat mit den Themen recht gut auskenne, war das ein kleines Heimspiel. Ich merkte mir selbst trotzdem die fehlende Erfahrung bei derartigen Diskussionsrunden in Form gesteigerter Aufregung an. Nichtsdestotrotz war ich mit meinem Auftreten zufrieden, und andere anscheinend auch:

Tatsächlich habe ich auch das Gefühl, mit jeder Veranstaltung dazuzulernen und mit jedem Mal ein wenig mehr Befangenheit zu verlieren. Vor allem kommt das dadurch, daß ich das Gefühl habe in die Themen immer weiter hinein zu wachsen. Natürlich steigt aber auch mit jeder zusätzlichen Veranstaltung das “Transzendieren” dieser für mich ungewohnten und eigentlich nicht gesuchten Art des Präsentierens auf einer Bühne vor Publikum.

Ein weiteres Element des Wahlkampfes sind die von den Parteien veranstalteten Infostände, auf denen versucht wird, die jeweiligen Ideen und Themen im Stadtteil abgehetzten Menschen beim Einkaufen oder alternativ Menschen, die sich entspannen und nicht behelligt werden wollen, näher zu bringen. 😉 Gut, ganz so arg ist es nicht. Manchmal kommt man tatsächlich auch in ein angenehmes, offenes Gespräch. In den meisten Fällen beschränken sich die Menschen aber auf’s Vorbeihuschen oder der Annahme eines angebotenen Themenflyers.


(So sah der Infostand natürlich nur selten aus, ehrlich. 😉 Ich habe nur die Zeit ohne Passant mal für ein Foto genutzt.)

Für mich liegt die Herausforderung an Infoständen darin, genau dann, wenn jemand interessiert an den Stand kommt und nicht sofort wieder vorbei- oder weghuscht, zu ermitteln, was den Menschen genau interessiert und dann auch das Thema möglichst so präsent zu haben und mir in Erinnerung zu rufen, daß ich auch mit Informationen dienen kann. Während auf Podiumsdiskussionen oder ähnlichem also eher Tiefenwissen von Vorteil ist, ist es bei Infoständen Breitenwissen mit einem Bonus auf Tiefenwissen. Meist entwickelt sich ein lockeres Gespräch, das auf Stammtisch-Niveau bleiben kann, oder eben eine Diskussion, die schon wirklich tiefgehend ist. Und je mehr Gespräche in letztere Richtung verlaufen, desto erfolgreicher empfinde ich einen Infostand. (Und gemessen an verteilten Flyern. *hüstel*)

Apropos Flyer: Die Basis für den Wahlkampf haben wir schon Anfang des Jahres beziehungsweise im letzten Jahr gelegt. In vielen Stunden, Tagen, Monaten ist ein gutes Wahlprogramm zustande gekommen sowie ein kurzer Flyer als Zusammenfassung und Kurzinfo über die Oberthemen, die wir Piraten uns im Bezirk auf die Fahne geschrieben haben: Bürgerbeteiligung, Transparenz, Fahrradförderung sowie soziale Stadtentwicklung:

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Wer wissen will, was ich im Speziellen in der Bezirksversammlung bewirken will, hat übrigens unter anderem hier in einem Kurzprofil die Chance sich zu informieren. 🙂 Und unser Wahlprogramm für den Bezirk findet sich hier.

Ein Kommentar

  • Schöner Beitrag. Kann den Menschen Mut machen, sich zu engagieren, die ebenso weniger extrovertiert sind. 🙂

    Gruß Peter Groth

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