Virtuelle Communities

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Im weltweiten Datennetz wächst die Zahl der virtuellen Communities (innerhalb der Cybergesellschaft) nach eigenen Schätzungen dauerhaft und stetig. Vor allem Spiele-Fanseiten, Partnerbörsen, Onlinegames oder auch Blogs schaffen Communities, in denen sich Leute unter ihren Nicks untereinander austauschen. Zu nennen seien als eher ungewöhnliches Beispiel das Blog des Einzelhändlers B.Harste aus Bremen, der unter shopblogger.de Amüsantes aus seinem Arbeitsleben als Filialleiter berichtet, und dadurch zu einer Berühmtheit in der deutschsprachigen Blogger-Szene geworden ist. Als weiteres Beispiel sei die eher unscheinbare Gemeinschaft aus ca. 150 Mitgliedern des Online-Rollenspiels Starfleet Germany genannt, deren Mitglieder über Mailinglisten, den IRC und häufige RealLife-Treffen auch abseits des eigentlichen Rollenspiels miteinander in Kontakt stehen. Virtuelle Communities sind eine ganz neue Form der Vergesellschaftung, die in diesem Artikel betrachtet werden soll.


Interessant ist, daß jeder mit ein wenig Programmier- oder auch nur Administrationskenntnissen eine Community gründen kann. So wird es ein Blog dabei immer etwas schwerer haben als beispielsweise eine gute Fanseite, da bei letzterer schon ein konkretes Thema gegeben ist und das Vertrauen in den Content von Anfang an recht hoch ist. Auch kann sich eine Fanseite auf eine bestehende Interessengruppe stürzen, während ein Blog eine komplett neue Interessengruppe aufbauen muß. Notwendigkeiten für den Aufbau einer Community sind interaktive Elemente, je mehr desto besser. Vor allem müssen alle Möglichkeiten zum (freien) Informationsaustausch gegeben sein, darunter also eine Art von Forum. In Blogs übernimmt dies die Kommentarfunktion, die aber nur beschränkt nutzbar ist. So können die Mitglieder der Community nicht selbständig neue Themen eröffnen, die Kommunikation bleibt also zwanghaft themenbeschränkt und kann sich nicht entwickeln. Für einen dauerhaften Erfolg einer Community ist zudem notwendig, daß Mitglieder selbst nennenswerten Einfluß ausüben können. Ansonsten ist selbige abhängig von einzelnen Personen und stirbt, wenn diese die Community verlassen. Doch können einzelne Mitglieder meist sehr schnell an Einfluß innerhalb der Community gewinnen: Je höher der Redeanteil, desto größer ist (bei einem qualitativen Mindeststandard) im Regelfall auch der Einfluß.

Warum existieren Communities. Zum einen werden natürlich Daten und Informationen ausgetauscht; allerdings ist häufig zu beobachten, daß innerhalb der Community auch vom Thema abgewichen, d.h. über andere Dinge diskutiert wird. Communities befriedigen also zumindest für einen Teil der Communitymitglieder soziale Bedürfnisse über den reinen Zweck der Community hinaus; es werden neue Kontakte geschlossen. Die Chance, daß sich gute Bekannt- oder auch Freundschaften entwickeln, ist dabei bei einer Fangemeinschaft größer als bei einem Blog: Die Interessen der verschiedenen Individuen sind in einem Punkt zumindest identisch, so daß eine gute Chance auf weitere Überschneidungen von Interessen besteht.

Communities erzeugen ein Zugehörigkeitsgefühl ähnlich Gruppen oder speziell Freundeskreisen. Wie man praktisch überall, ob an Schulen oder Universitäten, in Diskotheken, in Firmen oder Sportvereinen, und vielem mehr, beobachten kann, finden sich einzelne Individuen gerne in kleineren Gemeinschaften zusammen. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften kennen sich untereinander gut, man hat Gesprächsthemen. Dies ist natürlich auch bei virtuellen Communities der Fall. Sie erweitern zudem den Fernbereich sozialer Kontakte; die Freundschaften von Freunden überschneiden sich seltener, wodurch das persönliche soziale Netzwerk allerdings auch weniger dicht wird. In vielerlei Munde ist die These, daß Personen nach dem Aufbau von virtuellen Freundschaften den Kontakt zu Freunden im realen Leben abbrechen (mißverstandener Eskapismus). Diese These konnte allerdings bisher nicht bewiesen werden. Interessant ist, daß eine virtuelle Community um so erfolgreicher ist, desto mehr Möglichkeit für die Mitglieder zu einem Treffen im realen Leben bestehen. Die Kommunikation über das Netz ersetzt also nicht den sozialen Kontakt.

Beobachtbar ist ebenfalls, daß die Konfliktbereitschaft bei zeitverzögerter Kommunikation, der virtuelle Communities unterworfen sind, sinkt, wenn es einzelne Mitglieder nicht gerade darauf anlegen Konflikte zu verursachen. Das liegt daran, daß bei dieser Kommunikationsart längere Zeit darüber nachgedacht werden kann, was auf welche Weise gesagt wird ohne den Kommunikationspartner zu verletzen. Allerdings verliert man bei dieser Art auch einen wesentlichen Teil der Kommunikation: Die Gestik und Mimik. So kann jeder ungeschickt geäußerte Scherz ohne ein Emoticon schon als Beleidigung mißverstanden werden. Verzerrte Kommunikation wird also häufig als direkte aufgefasst. Dies birgt das wohl größte Konfliktpotential innerhalb dieser Art der Kommunikation.

Wie schon erwähnt, entsteht innerhalb der virtuellen Community ein Zugehörigkeitsgefühl durch die eigene soziale Struktur, eigene geteilte Normen und eigene Interaktionsmöglichkeiten. Es entsteht ein ‘Wir-Gefühl’ durch gegenseitige emotionale wie psychische Unterstützung. Allerdings können virtuelle Communities wie jede Gruppe auch psychischen Stress hervorrufen, da jedes Mitglied gezwungen ist, sich diesen Normen zu unterwerfen und sie zu erfüllen. Außerdem ist bei virtuellen Communities im Gegensatz zu Gruppen im realen Leben die gegenseitige Kontrolle größer, da jede geäußerte Meinung durch den Schriftverkehr jederzeit abrufbar ist.

Update: Ein Referat zu dem Thema findet Ihr hier.

Ein Kommentar

  • Vor über sieben Jahren habe ich in diesem Blog vermutlich wegen eines inspirierenden Vortrags innerhalb eines Oberseminars über virtuelle Communities geschrieben. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch für drei Jahre kein Nutzer von Facebook sein sollte, die

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