Virtuelle Communities II

Vor über sieben Jahren habe ich in diesem Blog vermutlich wegen eines inspirierenden Vortrags innerhalb eines Oberseminars über virtuelle Communities geschrieben. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch für drei Jahre kein Nutzer von Facebook sein sollte, die VZ-Netzwerke noch nicht kannte (sie waren da gerade einmal 1 Monat jung und sind jetzt schon wieder praktisch tot, haha) und Twitter noch nicht existierte. Grund genug, wieder ein paar oberflächliche Überlegungen zu dem Thema anzustellen.
Als ich im alten Artikel über virtuelle Communities sprach, bezog ich mich auf Fanseiten und zugehörige Foren, ein Blog oder Onlinespiele. Virtuelle Communities dieser Art existieren natürlich mehr denn je, allerdings haben soziale Netzwerke ihnen in mancherlei Hinsicht den Rang abgelaufen. So sind virtuelle Communities meist themengebunden; sie gründen sich, um beispielsweise über eines oder mehrere Computerspiele, Bands oder Musik-Genres, Filmgenres, ein bestimmtes Hobby oder ähnliche stark abgegrenzte Themen zu sprechen genauso wie übergeordnet überhaupt einem Hobby zu frönen. Nimmt man heutige MMORPGs als Beispiel, so ist die gesamte Spielerschaft eine virtuelle Community, die sich wiederum in Subcommunities unterteilt – in gemeinsame Spielergruppen wie Gilden, in die Foren auf unterschiedlichen Fanseiten und manchmal auch gezwungenermaßen in voneinander abgegrenzte Server innerhalb ein und desselben Spiels. Eine virtuelle Community ist damit stark themengebunden, aber personenungebunden. Die Person hinter einem Nutzer ist weniger wichtig, als das Thema, über das er spricht, oder als das Spiel, das er spielt. Das hat gleichzeitig die Auswirkung, das die Nutzer in einer virtuellen Community eher austauschbar sind, solange nur genug Nutzer in einer Community vorhanden sind, damit das Feuer am Brennen gehalten wird und die Community nicht ausstirbt.

Soziale Netzwerke sind nun natürlich im Grunde auch eine virtuelle Community, allerdings weitaus abstrakter als es bei Communities der Fall ist, die explizit kein soziales Netzwerk sind. Sie zeichnen sich vor allem (nicht unbedingt nur, aber vor allem) dadurch aus, daß es pro Nutzer einen Ort innerhalb des Netzwerks gibt, auf dem der Nutzer sich mitteilen kann und der explizit ihm als Person losgelöst von jeglichen Themen gewidmet ist. Tragen andere Nutzer an diesem Ort etwas zur Kommunikation bei, so sind deren Beiträge deutlich von den Beiträgen des ersten zu unterscheiden. Soziale Netzwerke sind themenungebunden, dafür personengebunden. Die Person hinter dem Nutzer mit all ihren Charakterzügen, Interessen und Vorlieben ist im Vordergrund. Personen sind beispielsweise auch Nutzer eines sozialen Netzwerkes, obwohl sie der Philosophie des Netzwerkes nicht zustimmen, Thema Privatsphäre bei Facebook. Und soziale Netzwerke können zunehmend in Probleme geraten, wenn Hauptakteure oder Poweruser in ein anderes Netzwerk wechseln und damit befreundete Nutzer mitziehen. Ebenso schwer ist es für ein neues soziales Netzwerk sich zu etablieren, da eine Vielzahl Nutzer am Besten zu einem möglichst scharf abgegrenzten Zeitpunkt aggregiert werden müssen, um das Feuer zu entfachen.

Der Übergang zwischen sozialen Netzwerken und virtuellen Communities ist natürlich schwammig. Wenn man so will, könnte man die Gemeinschaft aller Blogs als eine rudimentäre Art beziehungsweise Vorläufer von sozialem Netzwerk verstehen, das allerdings sehr lose gekoppelt ist, da es keinen einfachen Mechanismus gibt, um zwei oder mehrere Blogs miteinander zu verknüpfen. Durch RSS-Feeds, Blogrolls, Linktauschs, Metablog-Seiten, gegenseitige Kommentare oder ähnliches ist es aber möglich.
Virtuelle Communities innerhalb sozialer Netzwerke sind natürlich möglich, beispielsweise durch Gruppen wie bei Facebook. Allerdings fällt mir kein Beispiel ein, wo sich innerhalb einer virtuellen Community ein soziales Netzwerk entwickelt.

Im alten Artikel schrieb ich etwas über die Bildung von Freundschaften innerhalb virtueller Communities. So ist es wohl noch ein Unterscheidungsmerkmal, daß sich durch eine virtuelle Community eine Freundschaft zwischen Nutzern entwickeln kann, die über das Thema zueinander finden. In einem sozialen Netzwerk ist es dagegen eher so, daß sich die Nutzer auf einem bestimmten Wege schon kennen müssen, um sich im Netzwerk zusammenzuschließen. Interessant ist in diesem Zusammenhang Twitter, das sowohl Ausprägungen eines sozialen Netzwerkes hat (durch die zentralen Timelines) als auch als abstrakter Verbund von themenorientierten virtuellen Communities genutzt werden kann (durch die Hashtags). Damit ist Twitter vielleicht so etwas wie die Verbindung zweier Welten.

Ebenfalls schrieb ich im alten Artikel, daß die Konfliktbereitschaft bei zeitverzögerter Kommunikation sinkt. Das ist etwas, was ich heute anders oder zumindest nicht mehr genauso sehe. Ebenfalls beobachtbar ist, daß die Nutzer von virtuellen Communities sowohl Hemmungen als auch eine gewisse Empathie verlieren können, sich also mitunter scheinbar weniger gut in den Kommunikationspartner hineinversetzen können. Die Distanz durch das geschriebene Wort steigt und man schreibt mitunter Dinge, die man wörtlich so nie seinem Gegenüber ins Gesicht sagen würde. Natürlich spielen hier aber auch noch Dinge rein wie größere Anonymität und die allgemeine Größe der Community. Damit könnte allein mit diesem Abschnitt sicher ein eigener Artikel gefüllt werden.

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