“Vernetzen Sie mehr!”

Wer hier öfter mitliest, wird vielleicht Sorge bekommen haben, weil ich seit Donnerstag nicht geschrieben habe. 😉 Nein, ich habe die Prüfung bestanden und es ist sogar meine beste geworden. Trotzdem bleibt sie wie die anderen im guten Bereich. Daß ich länger nicht geschrieben habe, liegt daran, daß wir momentan Besuch haben und ich mich kaum freimachen kann. Aber nun doch schon einmal der Bericht über die Prüfung.
Morgens stand ich recht nervös um 07:00 Uhr auf, wie erwartet. Nach einigen Bissen Frühstück habe ich erst einmal den Termin der Prüfung nachkontrolliert; und ich erblickte eine Zeit, die mich erstaunt hat: 10:00 Uhr statt 09:00 Uhr sollte sie stattfinden. Nun ja, besser so rum vertan als andersrum. 😉 Ich verbrachte also die überzähligen Minuten mit einer Folge “Battlestar Galactica 2003” zur Ablenkung und fuhr dann gegen 09:10 Uhr los.

Wie erwartet kam ich viel zu früh und gestaltete die Wartezeit wie die anderen drei Male, also letzte Darmentleerung und Anmeldung. Nach weiteren fünfzehn Minuten, in denen ich krampfhaft mein Wasserglas in den Händen hielt, das ich von der Sekretärin netterweise bekommen habe, ging es dann zum Professor. Er begrüsste mich, stellte mir den mir unbekannten Beisitzer vor, der wohl erst einige Monate im Institut angestellt war, und begann schließlich mit der Prüfung.

Die Eröffnungsfrage war erwartungsgemäß: Wie in allen Prüfungen sollte man das Fach “Medieninformatik” einem fiktiven Kommilitonen, der ein anderes Nebenfach studiert, erläutern. Grob teilte ich den Inhalt in die Bereiche Usability-, Software- und Medien-Engineering auf und gab zu allen kurze Erläuterungen. Dann sollte ich das Fach noch einer fiktiven anderen Person ohne Vorkenntnisse erläutern. Im Großen und Ganzen könnt Ihr hier die Antwort finden.

Danach blieb er bei Software-Entwicklungsprozessen. Ich sollte die Unterschiede der Softwareentwicklung aus Sicht eines Usability-, eines Software- und eines Medien-Engineers erläutern. Kurz und knapp: Ersterer kümmert sich um die UI eines Anwendungssystems, also um die Schnittstelle zwischen dem Nutzer und den Funktionen des Programms. Ein Programm kann alle gewünschten Funktionen besitzen, und trotzdem wird das Programm ein Flop, wenn der Nutzer nicht versteht, wie er die einfachsten Funktionen überhaupt aufrufen soll. Der Software-Engineer kümmert sich darum, daß die gewünschten Funktionen überhaupt in der Software enthalten sind, das heißt, daß sie tut, was sie tun soll. Und der Medien-Engineer kommt vielleicht bei einem Computerspiel zum Einsatz, der hier dafür sorgt, daß das Spiel einen vernünftigen Plot besitzt oder daß das Spiel anderweitig an den Rechner fesselt. In diesem Bereich hielten wir uns eine halbe Stunde ca. auf.

Danach vollzog der Prof einen fließenden Schnitt zu Hypermedia-Systemen. Er fragte mich über die Geschichte dieser Systeme aus, angefangen vom MEMEX, über Xanadu, die Aspen Movie Map, Notecards, Hypercards (Vergangenheit) und dem WWW (Gegenwart) bis hin zum Semantic Web (Zukunft?). Auch hier blieben wir recht lange, vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten. Es wurde gen Ende immer technischer, und ich sollte Fragen beantworten, die darauf abzielten wie das WWW überhaupt funktioniert und was daran besonders ist.

Schlußendlich kamen wir noch in den Bereich der Medientheorie. Ich sollte den Medientheoretiker nennen, der für mich die größte Bedeutung hat. Da ich wußte, daß der Professor Fan von Marshall McLuhan ist, war dies ein Heimspiel. Ich nannte seine berühmteste These “The medium is the message” und erläuterte sie etwas ausführlicher, da ich mich auf McLuhan intensiv vorbereitet hatte. Kurz und knapp: Die Form eines Mediums ist für McLuhan interessanter als die Botschaften, die damit transportiert werden. Für McLuhan sind die Auswirkungen eines Mediums auf die Gesellschaft wichtig, also daß beispielsweise die Eisenbahn die Transportgeschwindigkeiten drastisch erhöht hat. Als wir beim Fernsehen ankamen, hat der Professor eine Anekdote erzählt, mit welchem Medium Neil Postman das Fernsehen einmal verglichen hat: Mit einem Lagerfeuer. Reichlich polemisch, aber bei manchen Sendungen doch recht treffend, oder? 😉 Meistens starren wir doch wirklich nur “in die Flammen”, ohne daß überhaupt für uns wichtige Informationen transportiert werden.

Am Ende durfte ich wie üblich den Raum verlassen, so daß sich Prüfer und Beisitzer über meine “Leistungen” austauschen konnten. Nach einigen Minuten wurde mir dann meine Note mitgeteilt und die Abschlußbesprechung fand statt. Diese hat mich von allen Besprechungen meiner Prüfungen bisher am meisten beeindruckt. Negativ angemerkt hat er, daß er mir alles aus der Nase ziehen mußte, daß ich also nicht aktiv selbst Wissen beigetragen habe. In der Tat war dies auch mein Eindruck, aber so bin ich nun einmal – vor allem in Prüfungen. Zugute gehalten hat er mir, daß ich kaum bis gar nichts Falsches gesagt hatte. Er bekam also den Eindruck, daß ich mich vorbereitet hatte, daß ich das Wissen nur noch eher passiv verfügbar hätte, es also nicht richtig verarbeitet und in sich “vernetzt” hätte. Er gab mir darum den Rat “Vernetzen Sie mehr!”, daß ich theoretisch als Leitspruch für dieses Blog wählen könnte, denn eigentlich dient es ja auch diesem Zwecke. 😉

Im Großen und Ganzen bin ich mit der Prüfung sehr zufrieden. Muß ich auch sein, denn ich bin jetzt endlich frei, frei, frei. 🙂 Ich hoffe, mir niemals mehr in vorgegebener Zeit vorgegebenes Wissen ins Gehirn prügeln zu müssen, damit es dann in einer Prüfung abgefragt wird. Wenn ich jetzt dazulerne, dann aus freien Stücken.

Gen Abend fuhren wir noch nach Hamburg zu Freunden, um dort Thanksgiving zu feiern. Auf diesem Wege ein riesiges Danke an Ishtar und Nasebaer, die meine Verlobte, mich und noch weitere fünf Freunde zu diesem Ereignis eingeladen hatten. 🙂 Es war grandios und für Insider “Referenztruthahn reloaded”. 😉

3 Kommentare

  • Whoa, na dann herzlichen Glühstrumpf! Wobei ich mit dem “nie wieder vorgegebenes Wissen ins Hirn prüglen” nicht so sicher bin – aber bestimmt nicht für eine Prüfung im eigentlichen Sinne.

  • Hallo, gratuliere zur bestandenen Pruefung. “Vernetzen Sie mehr” war cool und Mr.Postman hat wohl recht. TV-Konsum wird zum Ersatz fuer Kommunikation und Unterhaltung, es ist halt eine komische Karaoke-Welt ! Wuerde mich sehr freuen, wenn du mal meine Blog-Seite besuchen uns kommentieren koenntest :
    http://ideenwerk.blogspot.com
    Es soll ein Forum werden fuer Ideen, kreative Konzepte, politische (aber nicht polemische…) Kommentare, in Englisch, Deutsch, Spanisch oder auch Griechisch. Gerade deutsche Beitraege waeren willkommen, genauso wie Themenvorschlaege, Lob und Kritik !

    Vielen Dank,
    Jannis

  • Ja, das meine ich natürlich: Man lernt nie aus, aber für eine wirkliche “Prüfung” muß ich (vermutlich) nie wieder lernen.

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