Pokémon Go, Datensammelwut, Gamification und Politik

Pokémon Go ist spätestens seit ungefähr einer Woche ein Renner. Zwar war das Spiel von Ingress-Entwickler Niantic schon vorher inoffiziell installier- und spielbar, doch zu einer Reihe von Serverüberlastungen kam es erst, als das Location-based-Game unter anderem in Deutschland offiziell gestartet ist. Der Run auf das Spiel und der entsprechende Hype in den sogenannten Massenmedien haben sich gegenseitig befeuert, so dass Pokémon Go das erste Location-based-Game ist, von dem fast jeder Mensch in diesem Land gehört haben dürfte. Da die Anzahl an Spielenden so überwältigend ist, führte das Spiel schon zu einer Reihe von spannenden oder traurigen Seiteneffekten wie dem seltsamen Verhalten von einzelnen Menschen an besonderen Orten, der Auffindung von Leichen, der Verursachung von Verkehrsunfällen, der Aufdeckung von Beziehungsproblemen, aber auch positiven Verwendungen wie der Incentivierung der Teilnahme an politischen Aktionen.

Da Pokémon Go das erste Location-based-Game ist, das so einen massiven Run auslöst, gibt es viele Menschen – darunter auch Journalisten – die gepaart mit einem besorgten oder entsetzten Unterton nun befürchten, dass sich durch das Spiel gesellschaftliche Veränderungen ergäben und irgendwie darauf reagiert werden müsste. Nun ja, die Effekte sind allerdings bei genauerer Betrachtung nicht wirklich neu. Schon Geocaching, eines der ersten Location-based-Games, führte zu skurrilen Situationen. Auch bei der “Schnitzeljagd mit GPS” kam es zu einigen der oben genannten Effekte – zusätzlich zu immer wieder vorkommenden Sprengungen von Geocaches, weil sie als Bomben mißinterpretiert werden. Sogar bis hin zu Todesfällen – aus Unachtsamkeit oder weil GeocacherInnen beispielsweise Geocaches, die nur mit Kletterausrüstung oder zumindest hohen Kletterfähigkeiten zu erreichen sind, in Angriff genommen und dabei ihre Fähigkeiten einfach überschätzt haben.

Wenig überraschender- und berechtigterweise wird Pokemon Go seine Datensammelwut vorgeworfen. Auch das ist nicht neu, da sich schon der Vorgänger Ingress an den Bewegungsdaten der Spielenden bediente und Entwickler Niantic bzw. Google versuchten sie für sich zu nutzen. Wem das nicht behagt, der hat allerdings bei Pokémon Go immerhin noch die Wahl das Spiel medienkompetent zu nutzen. So kann das Spiel bewusst in der Freizeit gespielt werden – also nicht auf regulären Wegen in der Stadt wie dem Arbeitsweg. Wenn ich für das Spiel wilde Achten in Gegenden meiner Stadt laufe, wo ich sonst nie bin, verraten die Daten verhältnismäßig wenig über meine Person – außer dass ich gerade das Spiel spiele.

Für alle, die das Spiel wegen der Datensammelwut gar nicht spielen möchten, aber allgemein Lust auf Location-based-Games haben und auf das Pokémon-Universum verzichten können, bieten sich durchaus Alternativen. So gibt es beispielsweise mit dem VR-Spiel Resources ein One-Man-Project, das sich zwar etwas trocken präsentiert, aber trotzdem viel Spaß macht. Und der Klassiker Geocaching kommt sogar ohne dauerhafte Internetverbindung aus. Wer mehr zu Location-based-Games hören möchte: Hier haben zwei Freunde und ich uns mal ein Stündchen über das Thema inklusive zahlreicher Beispiele unterhalten.

Es wäre wünschenswert, wenn Google oder Niantic generell Möglichkeiten schafften diese Datensammelwut zu umgehen – beispielsweise mit einem von jeglichen Analysen befreienden Kauf-Abo. Sehr wahrscheinlich ist dies allerdings nicht, da diese Option auch bei Ingress nicht vorhanden war und Niantic keine Anstalten zeigt so etwas zu implementieren – so sind die Bewegungsdaten vermutlich sehr aussagekräftig und wesentlich lukrativer als es jegliche Abo-Einnahmen wären. Notwendig wären für Änderungen daher entsprechende Forderungen aus der Community bis hin zu einem Boykott des Spiels, doch ist dies ebenso wenig wahrscheinlich. Wenn zu lesen ist, dass Menschen in das Spiel vertieft auf eine große Verkehrskreuzung laufen und sich damit sogar selbst gefährden, sind für viele Menschen Prioritäten so krass verschoben, dass ihnen Datensammelwut nichts mehr ausmacht. Das ist in der Tat traurig, doch nicht verwunderlich. Wenn sogar Staaten wie die USA oder Deutschland so umfassend und konsequent Daten von allen Menschen abschnorcheln, warum sollten dann Menschen einer speziellen Firma Vorwürfe machen oder auf ihre Daten achten.

Um Menschen in einen gesunden, kritischen Zustand bezüglich dieser Situation zu bringen, wären Aufklärung und Bildung darüber ein praktikabler Weg. Genauso wie momentan in vielen Städten die Polizei Menschen eigentlich selbstverständliche Dinge in Erinnerung ruft, so sollte das Innenministerium die Menschen in unserem Land über die Gefahren der Nutzung dieses Spiels im Hinblick auf die Datensammelwut aufklären und sich schützend vor seine BürgerInnen stellen. Jedoch ist genau dieses Ministerium in diesem Land für Datensammelwut mitverantwortlich und pervertiert damit seine eigentliche Aufgabe.

WTF are they doing?!

Oftmals fragen sich in den letzten Wochen Menschen, die nicht dem Pokémon-Sammelfieber verfallen sind, was zur Hölle die Pokémon-Süchtigen zu ihrem Treiben bringt. So ist Pokémon Go auch ein sehr simples Spiel. Die Spieler wandern in der Gegend umher, sammeln dabei an Pokestops Gegenstände, die bei der Jagd auf die Pokemons notwendig sind oder bei ihr helfen. Die Pokémons sterben beim Einfangen nicht, sondern werden wiederum im Inventar der Spieler gesammelt. Die gesammelten Pokémons können schließlich in Arenen gegeneinander antreten.

Wesentlich mehr Spielelemente gibt es aktuell nicht, worin liegt also die Faszination bei diesem Spiel? Ein wesentlicher Teil der Faszination steckt schon im obigen Absatz: Das Sammeln und Jagen gehört zu den menschlichen Urinstinkten. Wenn diese mit Mitteln der Gamification noch zahlreiche Unterstützung erfahren, so erklärt sich vor allem in Kombination mit dem oftmals aus der Kindheit bekannten Pokémon-Universum der immense Erfolg des Spiels. Sammel- und Jagdtrieb plus ein bekanntes oder niedliches Universum plus Gamification-Elemente als befeuerndes Element ergeben das viele Menschen in den Bann ziehende Spiel.

Gamification ist ein Element, was uns in den letzten Jahren auch immer häufiger begegnet. Teilweise nutzen sogar ganze Firmen gamifizierende Elemente in alltäglichen Aufgaben. So unterstützen Ranglisten, Achievements, immer neue Quests, Levels, Punkte und Ingame-Währungen im Verkaufswesen, bei Wissensnetzwerken, im Support, beim Joggen und in vielen anderen Bereichen. Nun ist es natürlich bitter, wenn alle Welt draußen rumrennt und ihre Energie in einem relativ simplen Augmented-Reality-Spiel verbrennt, wenn es doch eigentlich sehr viel gäbe, wofür die Energie sinnvoller verwendet werden könnte. Aber muss das so bleiben?

So etwas ist natürlich immer leicht gesagt. Vermutlich wird es auch kaum möglich sein, jemals so viele Menschen für Online-Beteiligungsprozesse zu motivieren, wie sich jetzt damit austoben wilde Pokémon zu fangen. Aber das muss es ja auch nicht. Möglich ist es auf jeden Fall politische und gesellschaftliche Prozesse durch Gamification anzureichern und somit “spielbar” zu gestalten.

  • So könnte der Leerstandsmelder gamifiziert werden. Heute schon einen Leerstand gemeldet? Der erste gibt doppelt so viel Punkte, und zehn Meldungen in einer Woche ergeben ein Achievement.
  • Das allseits beliebte Unterschriftensammeln bei Bürgerbegehren: Wow, Du hast 42 Unterschriften für Initiative x gesammelt? Damit bist Du Tageszweite und insgesamt knapp Erste im Gesamtranking mit insgesamt 100 gesammelten Unterschriften. Level Up!
  • Eine gamifizierte Beteiligungsplattform für informelle Verfahren: Hey cool, Deine Idee zur Einrichtung eines kleinen Spielplatzes vor Ort hat 100 UnterstützerInnen! Neuer persönlicher Rekord. Damit bekommst Du dieses Badge.

Ja, das sind natürlich nur Ideenfetzen, aber es sollte deutlich werden, in welche Richtung eine Reise gehen könnte. So hat jede Anwendung oder jede Aufgabe natürlich ihre eigenen Herausforderungen. Außerdem bedeutet Gamification auch nicht, einfach einer Aufgabe kleinteilige Fortschritte, konsequente und zahlreiche Erfolgsmeldungen, Level, Skills, Punkte, Ranglisten, Abzeichen und nutzbare Gegenstände überzustülpen. Wesentliches Elemente sind auch eine zumindest einfach gestaltete Story. So wäre Pokémon Go kaum so erfolgreich ohne im Pokémon-Universum zu spielen. Außerdem lebt jede gamifizierte Anwendung von den regen Interaktionen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft bzw. Community. Bei politischen Prozessen ist Datenschutz, Anonymität und Datensparsamkeit aber wichtig. Gerade diese Punkte zu unterstützen ist wesentlich und sicherlich eine große Herausforderung – meines Erachtens aber bei Weitem nicht unmöglich.

Zuletzt noch ein Beispiel, wie auch bestehende Anwendungen wie Pokémon Go für politische Zwecke genutzt werden können:

Ein Kommentar

  • Schöner Beitrag. Zum letzten Punkt: ich würde mir derzeit ja wünschen, dass Niantic/Google die Wahlbeteiligung am 8. November pusht…

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