Ich versuch das dann mal mit diesen Piraten…

Seit circa zwei Monaten bin ich ordentliches Mitglied bei den (Hamburger) Piraten. Im folgenden vor allem für mich persönlich einige Sätze zu meiner Motivation bezüglich des Beitritts.

“Gerade jetzt die Piraten? Die sind doch schon wieder weg…”
Das sind wohl die ersten Worte, die momentan fast jeder zu hören bekommt, der neues Mitglied in der Piratenpartei wird. So schreiben die Massenmedien durchweg gelangweilt, kritisierend (teilweise natürlich berechtigt), geringschätzig oder inzwischen sogar schon mit Abgesängen auf die vor wenigen Jahren noch hochgelobte neue Partei. Meines Erachtens ist der Weg der Piratenpartei noch lange nicht zu Ende, und ein Abgesang mehr als verfrüht. Auch wenn momentan an der Spitze der Partei die Skandälchen durch die Medien getrieben werden, so wird gleichzeitig auch weiter gearbeitet und gekämpft. Meines Erachtens geht es für die Piraten weiter kontinuierlich nach oben, auch wenn gleichzeitig krasse Ausschläge nach oben oder unten das Bild verfälschen.

“Schlömer, Ponader, Lauer, Peukert und wie sie alle heißen beschäftigen sich doch lieber mit gegenseitigen Angriffen als was Sinnvolles auf die Beine zu stellen…”? – Ja, die Außendarstellung im Bund ist rottig, und momentan möchte ich in der Tat oftmals lieber die Augen schließen. Trotzdem sind mir in den letzten Wochen auch sachlich richtige und wichtige Beiträge aufgefallen wie hier in “Hart aber fair” oder hier bei DRadio von Christopher Lauer. Meines Erachtens haben die Piraten in der Öffentlichkeit zwar politisch das Herz am richtigen Fleck, sind aber zumeist das Gegenteil von geübten Diplomaten und einfach keine erfahrenen Politiker. Eigentlich sympathisch, wenn nicht manches Verhalten die durch Ehrlichkeit aufgebaute Sympathie durch das Verhalten selbst wieder konterkarieren würde. Was mich zu einem weiteren Einwand meines inneren advocatus diaboli bringt…

“Die Amateure bekommen’s nicht hin…”? – Logisch, es ist alles ein Lernprozess und nichts klappt von Anfang an. Die Erfahrung, die alle anderen politischen Parteien mit dem Anspruch in den Bundestag oder die Landesparlamente einzuziehen in Jahrzehnten aufgebaut haben, können bei den Piraten nur die wenigen Mitglieder vorweisen, die aus anderen Parteien migriert sind. Aber ist nicht gerade das ein Positivum? Die Piraten sind Menschen aus dem Volk, die etwas bewegen und Politik mitgestalten möchten. Gerade im krassen Gegensatz zu den vom Volk abgehobenen Berufspolitikern oder den Karrieristen in den großen Parteien.

“Aber die Piraten haben doch kein Programm? Was sollen die denn im Bundestag / den Landesparlamenten?” – Für eine kleine Partei, die noch in den Kinderschuhen steckt, haben die Piraten schon sehr viel vorzuweisen (siehe im Menü unter “Politik”). Gerade bei den Kernthemen mit Forderungen nach mehr Transparenz in der Politik, mehr Bürgerbeteiligung und größerer Privatsphäre sind die Piraten den Altparteien voraus. Zudem sind alle Punkte im Programm klar sozialliberal geprägt, also stark am Wohlergehen des sogenannten “kleinen Mannes” orientiert. Natürlich sind noch große Lücken in den Programmen. Aber die Piraten wollen schließlich auch nicht alleine regieren, sondern streben an in den Parlamenten als Oppositionspartei den Stachel im Fleisch zu spielen und Denkanstöße für eine sozialere und bürgernahere Politik zu geben.

“Aber die können doch sowieso nichts ausrichten.” – Nun, die Piraten haben schon die ersten Landesparlamente geentert und sehr wohl etwas ausgerichtet: In Hamburg entstand z.B. das Transparenzgesetz. In Bezirken wird für die Interessen des Bürgers gekämpft. In Berlin ging z.B. BERwatch online. Es wird (darüber hinaus) an vielen Stellen etwas erreicht, ohne daß sich dies mit einer Erwähnung in den Massenmedien niederschlägt.

“Du und Politik?!”
Auch wenn ich im direkten Kontakt mit meinen Mitmenschen eher die stille und ruhige Fraktion glanzvoll vertrete, empfand ich es Ende des letzten Jahres endlich als geeigneten Zeitpunkt einer Partei beizutreten. Als naiver und idealistischer Philanthrop mit soziophoben Zügen habe ich für die Politik eher ungeeignete Charakterzüge. Dazu kommt noch, daß ich bis zum Ende meines Studiums in 2006 nahezu unpolitisch war. Ich habe zwar immer gewählt und kannte die aktuellen Nasen in der Bundesregierung, soweit ging mein Interesse noch. Doch mich über Details zu informieren, in Erfahrung zu bringen wie ich Politik im Land oder im Bezirk aktiv mitgestalten könnte oder ähnliches – soweit ging mein Interesse nicht. Warum nun also doch der Parteibeitritt?

Nun, in meinem ersten Job als Systemadministrator im öffentlichen Dienst in einer Universitätsklinik habe ich zum ersten Mal Auswirkungen von Politik am eigenen Leib erfahren, über die man jeweils eigene Artikel schreiben könnte.
Moment, die Landesregierung in Kiel will den Medizinstudiengang an der Uni Lübeck schließen? Obwohl am Medizinstudiengang Tausende von Arbeitsplätzen in der Stadt hängen? Das macht keinen Sinn!”
“Moment, Pflegekräfte bekommen immer weniger Lohn und es wird praktisch vorausgesetzt, daß sie Überstunden machen? Und Überstunden können wegen zu wenig Personal praktisch nie abgebummelt werden? Was für ein Scheiß!”
“Moment, Lübeck gönnt sich als Großstadt in der Provinz einen eigenen Flughafen und muss ständig draufzahlen, wo es an anderer Stelle dauernd fehlt? Das macht Sinn…”
“Moment, es gibt eine Versorgungslücke im Rentensystem und man empfiehlt die private Vorsorge? Waren die Renten früher nicht immer ‘sischä?”

Nichtsdestotrotz hatte ich in meinem ersten Job nach einem ruhigen Start einige hammerharte Jahre mit zahlreichen Überstunden, die mich bis 2010 an den Rand des Burnouts brachten, bevor ich das noch rechtzeitig bemerkte. Auch weil mir noch die Erfahrung fehlte und ich mich selbst fast schon bereitwillig ausbrennen ließ, heute würde mir das sicherlich nicht mehr passieren. Jedenfalls fehlte mir trotz einiger politischer Erkenntnisse der Wille, die Zeit, die Kraft und die Muße mich ernsthaft mit Politik zu beschäftigen, auch wegen zusätzlicher anderer Hobbies. Nach der Suche eines neuen Jobs, dem Jobwechsel, einem Stadtwechsel von Lübeck nach Hamburg und einem persönlichen Schlag Anfang des letzten Jahres, der ebenfalls nach Regeneration verlangte, bin ich nun in der Situation den Kopf für etwas Neues freizuhaben.

Denn komplettes Neuland ist es auf jeden Fall für mich. Daher war der vorrangigste Grund zum Eintritt in die Piratenpartei tatsächlich auch die persönliche, politische Weiterbildung. Neben den oben angesprochenen, für die Politik direkt am Bürger eher ungeeigneten Persönlichkeitszügen habe ich keine Ahnung von Bundes-, Landes- oder Bezirkspolitik, aber davon eine Menge. Aber es gibt viele Orte, um sich zu engagieren und dazuzulernen. Zum Stammtisch im Bezirk, möglichen Engagements in Bürgerinitiativen, dem Flyern oder dem stillen Arbeiten an der Webseite sowie im Wiki oder der Unterstützung der anderen Piraten gesellt sich das Treffen in der Landesgeschäftsstelle, das politische Arbeiten in AGs für das Landesprogramm, ebenfalls eine Landeswebseite oder das Wiki. Darüber hinaus will man sich in den lokalen Medien schlau machen, was gerade angesagt ist, sowie dem Strom auf Mailinglisten und Twitter folgen und Blogbeiträge, vorhandene Programme, Positionspapiere und Anträge lesen. Last but not least gibt es auch noch Bundesebene bzw. -arbeit, mit der ich mich überhaupt nicht beschäftige und die ich momentan nicht einmal im entferntesten auf dem Radar habe.

Wie gut erkennbar ist, beschäftige ich mich aktuell mit allem ein wenig, und im Endeffekt werde ich irgendwann einige Häuschen finden, wo ich mehr Zeit investieren werde als in andere Dinge. Nach meinem Plan werden das maximal drei AGs (Bund/Land zusammengerechnet) werden, wobei mindestens eine davon mit Sicherheit technisch sein wird (Mitarbeit bei der Programmierung der Webseite oder Hilfe bei der Pflege des Wikis) und mindestens eine AG politische Arbeit umfassen wird. Vermutlich wird alles davon Landesebene sein, für Bundesebene fehlt mir zumindest momentan entweder der Draht, das Wissen oder beides. Hinzu kommt die Arbeit im Bezirk, wo bei dem geholfen wird, was gerade so anfällt. Und wenn ich dann die Motivation zur Beteiligung lange hoch halten kann, ist viel erreicht. Für mich ist die Mitarbeit bei den Piraten vor allem ein persönliches Experiment: Entweder läuft’s oder nicht.

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